[OT] – Singereien im Fackelschein

Haloa!

Süßes oder Saures?
Keine zwei Wochen ist die Gruselnacht her, da stehen schon wieder Gestalten vor der Tür. Süßes oder Saures?
Durch die geriffelte Glasscheibe sehe ich einen flackernden Lichtschein.
Mit düsterer Vorahnung öffne ich das Glasfenster der Tür – der Hof brennt…

… zum Glück nicht.

Stattdessen steht dort eine Gruppe Kapuzenpullis, bewaffnet mit brennenden Fackeln. Letztere werfen dieses flackernde Licht.
Ich erinnere mich an eine Szene aus dem „Da Vinci Code“, als die Großmeister der Templer sich in der Krypta versammelten, die schwarzen Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. An den Wänden flackerten Fackeln und…

Laterne! Laterne!“ meint eine der Gestalten, streckt fordernd die Hand aus und reißt mich rüde aus meinen Zelluloid-Erinnerungen.

Bitte???

LATERNE!“, wiederholt der Handausstrecker fuchtelnd, diesmal etwas lauter, während das Wachs seiner Fackel mein Verbundsteinpflaster kontaminiert und seine Kumpanen zustimmend nicken…

Ich erspare Euch den weiteren Verlauf der Geschichte und überlasse sie Eurer Phantasie. Nur soviel – wer schon am falschen Tag kommt und weder eine Laterne von eine Fackel unterscheiden noch zumindest einen Zweizeiler darbieten kann, bekommt selbstverständlich nix.

Was waren das noch Zeiten, als die Kinder die Laterne in der Hand SINGEND vor der Haustür standen und ggf. noch ein „St. Martin“ als Zugabe darbringen konnten. Damals, als die Kinderaugen leuchteten, wenn es Äpfel, Nüsse, Kaubonbons und mal einen Schokoriegel als Belohnung gab. Und wie spannend es war, die ersungene Beute zu teilen, an St. Martin, der übrigens jedes Jahr am 11.11. ist und nicht an irgendeinem x-beliebigen Wochentag vorher, wann es der Lehrerschaft oder den Erzieherinnen am besten passt.

Das ist lt. einer Mutter übrigens heute so, damit die allein erziehende beste Freundin ihrer Kinder diese adäquat zum Martinszug begleiten kann; das Krabbelgruppenkind am Dienstag, das Kindergartenkind am Mittwoch, und das Grundschulkind am Donnerstag. An allen drei Tagen wird danach in der Nachbarschaft mehr oder weniger „gesungen“. Bei denselben Leuten, die sich drei Tage in Folge dasselbe Liedgut in unterschiedlicher Qualität anhören dürfen. Nur am 11.11. nicht. Da hat Mami nämlich keine Zeit, denn dann ist Karnevalauftakt. Da trifft Mami sich mit den anderen Mamis und trinkt sich den heiligen Martin schön…

Doch vor der Kür kommt die Pflicht. So geht Mami am ersten Abend noch mit, denn das Krabbelkind kann noch nicht alleine Kinderwagen fahren. Auch hat es gesangstechnische Defizite – entschuldbar, wie ich finde, denn es ist ja erst zwei. Stattdessen macht sich Mami zur Deppin und singt „Laterne“ und „Ich gehe mit meiner Laterne“…

… an. Nach der ersten Zeile, bei beginnender Textunsicherheit, wird mit den Worten „Du musst die Laterne hochhalten, Lisa-Joline“ am Kind herumgenestelt.
Die Laterne hochhalten…- is klar!
Leider habe ich keine ökologisch-wertvollen BIO-Cerealien im Haus. Also bekommt das Kind mit den Worten „Kann Deine Mami aber fein singen“ eine große Möhre zugesteckt. – Lächelnd nimmt das Kind mit dem Namen, der bestimmt in rosa das Familienauto ziert, die Mohrrübe an, nachdem es Mami die Laterne vor die Füße geworfen hat. „Aber Lisa-Joline, die schöne Laterne, guck mal, jetzt ist sie kaputt!“ Und während Lisa-Jolines beste – wenn auch enttäuschte – Freundin die Reste der selbst gebastelten Laterne zusammenklaubt, probiert das Kind sabbernd die Möhre…

Am zweiten Abend kommen die Kindergartenkinder. Da steht Mami am Tor. Zur Sicherheit. Die Kinder bekommen die Lieder zusammen, denn die Erzieherinnen haben seit Sommer fleißig geübt. Da stehen sie nun mit ihren selbst gebastelten Laternen an der Tür und singen die Lieder wenigstens zu Ende. Dafür gibt es Äpfel, Nüsse, Mandarinen und Birnen. Kein Kinderauge leuchtet – wer will schon Obst. Längst hat das Pausenbrot vor der Milchschnitte kapituliert und die wenigsten Kinder können das Wort „Birne“ der passenden Frucht zuordnen. Zumindest sagen sie „Danke“.

Der dritte Abend steht dann unter dem Zeichen der Kapuzenfraktion – hier ist Mami nicht dabei, das wäre nämlich voll total unkühl. Genau wie gebastelte Laternen. Stattdessen werden Wachsstäbe abgefackelt – ohne vorherige Unterweisung, denn auch das wäre krass unkühl; ganz abgesehen davon, dass es Mami wohl auch überfordern würde.
Darum wird diese Nacht auch ihre Spuren hinterlassen. Spuren in Form von Brandlöchern in Kapuzenpullis, Wachstropfen auf Gehwegen und Fußmatten sowie schwarzen Stellen an Mauerköpfen und Hauswänden, wo die Glutreste der Fackelenden abgestreift wurden.

Wenn das der heilige Martin geahnt hätte…

TJ.

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