Tatort NSG – möglicherweise

Haloa!

Ja, die Deutschen.
Vorbildlich in so vielem und insbesondere im Umweltschutz. Ökosprit, erneuerbare Energien, Biotopverbund, Krötenrettung – ja richtig gelesen, Krötenrettung!

Und die deutschen Geocacher?
Ja, wenn es um Müllsammeln und Krötenrettung geht, sind auch sie ökologisch wertvoll. Vorausgesetzt, es gibt einen Punkt. Nehmen wir zum Beispiel die regelmäßigen „Cache In Trash Out“-Veranstaltungen, auch CITO(s) genannt. Da trifft sich die naturbewusste Dosensucherschaft, um ggf. mit kommunal zur Verfügung gestellten Handschuhen und Müllsäcken irgendeine versiffte Ecke oder aber einen bereits zwei Wochen zuvor von der Kommune gereinigten Park zu entmüllen. Dafür erhält man einen Punkt; möglicherweise sogar ein virtuelles Souvenir und mit ein wenig Glück eine Erwähnung in der lokalen Presse. In der Regel sind die Müllsäcke noch nicht entsorgt, wenn schon die ersten Sammler stolz und mit naturbewusst entmülltem Gewissen ihre gute Tat geloggt haben.

Doch wo ist dieses Gewissen im Wald? Erfahrungsgemäß praktizieren nur die wenigsten Geocacher CITO im eigentlichen Sinne;

nehmen eine Tüte mit und sammeln auf der Cachetour das auf, was sie an Müll finden. Warum auch, schließlich gibt es weder Punkt noch Anerkennung.

Neulich im NSG – das traditionelle Dösken liegt am Wegesrand, die offiziellen Wege dürfen nicht verlassen werden.
So steht es zumindest im Listing; daneben unscheinbar ein paar Attribute; vielleicht muss man waten, vielleicht auch schwimmen. Selbstverständlich. Auf offiziellen Wegen. Wasserwegen möglicherweise?! Der Passus „Ihr seid für Euer Handeln selbst verantwortlich“ macht niemanden stutzig, nicht mal jemanden der es hätte merken müssen (!); ebensowenig, wie die Aussage, dass man nass und/oder dreckig werden könnte. Späteren Logs zufolge waren einzelne froh, Watstiefel dabei gehabt zu haben; die benötigten sie nämlich zum Bergen der Dose.
Im NSG. Auf offiziellen Wegen. In Deutschland.

Tränendes Herz

Ein anders NSG. Wieder dürfen die offiziellen Wege nicht verlassen werden. Wieder konkretisiert ein Attribut die Situation, Baumklettern ist gefordert. Erneut ist lt. Owner jeder für sein Handeln selbst verantwortlich. Offensichtlich führt der offizielle Weg über einen Baum. Mindestens 30m Seil sind erforderlich, eine Kletterausbildung und notwendige Erfahrung.
Im NSG. Auf offiziellen Wegen. In Deutschland.

In welch desolatem Zustand müssen diese „offiziellen“ Wege in deutschen Naturschutzgebieten doch sein, wenn diese Naturschutzgebiete nur derart ausgerüstet durchquert werden können?! Man mag gar nicht daran denken, wie es erst abseits dieser Wege ausschauen muss, wenn man diese Listings liest. Ein möglicherweise undurchdringliches Dickicht …

… scheint sich nicht nur im Kopf derer zu befinden, die solche Listings schreiben, sondern auch im Kopf derer, die die dazugehörigen Dosen suchen. Dort scheint jeder vernünftige Gedanke und das Naturbewusstsein irgendwo abseits der offiziellen Axone verloren gegangen zu sein; auf irgendwelchen Kollateralen möglicherweise, was u. U. auch gleichnamige Schäden erklärt.

Dosenzombies trampeln durchs Getreide, trampeln durch die Saat, trampeln durchs Biotop, die Hände vorgestreckt, sabbernd, ein debiles Grinsen im Gesicht, beseelt von dem einen Gedanken nach dem Punkt und/oder der geilen Lokation, die -koste es, was es wolle- unbedingt jedem offeriert werden muss; zumindest in meinem Kopfkino. Sie grabbeln in der Bruthöhle, sie waten über Flusskrebse, zerstampfen Amphibien und Gelege in ihrem vielleicht letzten Habitat und vertreiben kletternd Greifvögel von ihren Nestern…

CRW_5219_Kröte

… aber echauffieren sich ggf. maßlos öffentlich darüber, dass ein reicher Mensch einen der letzten freilebenden Tiger erlegt.

Wo bitte ist der Unterschied?

Selbstverständlich wäre es wesentlich medienwirksamer, wenn der Tiger ausstirbt, als das Ableben der letzten Kröte irgendeiner Unterart bedauern zu müssen, die zudem kaum jemand kennt.

Der findige und naturbewusste NSG-verletzer wird jetzt möglicherweise argumentieren, dass der reiche Großwildjäger den Tiger vorsätzlich tötet. Vielleicht wegen des Kicks und um sich damit brüsten zu können, Aug’ in Aug’ eine reißende Bestie besiegt zu haben. Das sei auch gar nicht vergleichbar. Er, der Dosensucher hätte hingegen ja nicht ahnen können, dass da beispielsweise diese Kröte in der Baumhöhle war, in die der PETling gerammt wurde…

Er kommt vielleicht nicht darauf, dass das Wegegebot in Naturschutzgebieten möglicherweise gerade deshalb besteht, damit bestimmte Lebewesen und ihr Lebensraum geschützt sind. Vor Unwissenden. Vor Ahnungslosen. Quasi vor ihm.

Er versteht vielleicht nicht, dass das Verlassen der Wege, sofern er weiß, dass er sich in einem NSG befindet, ebenfalls eine vorsätzliche Tat darstellt und er damit möglicherweise das Aussterben einer geschützten Art billigend in Kauf nimmt.
Vielleicht wegen des Kicks und um sich damit brüsten zu können, eine Dose an besonderer Stelle versteckt oder gefunden zu haben.

Möglicherweise ist es ihm aber auch schlichtweg egal.

Mumie

Und so suhlen sich bundesweit Verstecker in den Favoritenpunkten ignoranter Sucher und reihen sich in die Schlange derer ein, die, brav geduldet von Großteil der Restcommunity, ihre eigenen Interessen als das höchste Gut ansehen. Die Rechnung zahlt die Natur.

Ob Tiger oder Kröte macht für mich keinen Unterschied!

TJ.

2 Gedanken zu “Tatort NSG – möglicherweise

  1. Wie kann es sein, dass solche Listings noch immer freigegeben werden?
    Einerseits werden dreizeilige Eventlistings ‘wegen Werbung’ beanstandet, andererseits kommt sowas durch?
    Da sind zum Einen die verantwortungsvolleren Cacher gefragt, solche Sachen sofort zu boykottieren und öffentlich zu machen.
    Andererseits aber auch die entsprechenden Reviewer, das Listing wieder zurückzu ziehen. Denn beim Retract werden ja auch vorhandene Logs (Punkte!) gelöscht. Und dem Owner auch mal ordentlich den Kopf zu waschen…
    Nachdem sowas ein paar mal abgelaufen ist, werden sich so Einige überlegen ob es sich wirklich lohnt solche Risiken nochmal ein zu gehen.

    just my 5 cent…

    Franz

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