Ein felsfeuchtes Erlebnis

Haloa!

Ein herrlicher Samstagnachmittag im Oktober. Die Sonne legt sich noch einmal ins Zeug und die Temperaturen liegen knapp über 20 Grad. Wäre die erhöhte Luftfeuchtigkeit nicht, könnte es perfekt sein.

Ein zwar unterkonditionierter dafür übergewichtiger Herr mittleren Alters parkt sein Gefährt am Rande einer Straße. Er ist einer unter vielen, denn heute ist die Gegend gut besucht. So schultert er seinen Rucksack und läuft gute zweihundert Meter auf einem Trampelpfad hinter der Leitplanke entlang, bis er den ausgeschilderten Zuweg erreicht.

„Klettere ein wenig“ steht in einem Listing. Er findet den Einstieg und spaziert los. Nicht weit gekommen, erblickt er ein Bruchsteinportal, in dem ein Bach respektive Rinnsal verschwindet. So groß die Neugier doch ist, hier im NSG herrscht Wegegebot.

An dieser Stelle führt eine kleine Brücke über den Bach. Das Gelände steigt leicht aber stetig an, während sich die Landschaft, wie in einem Listing beschrieben, wild romantisch entwickelt

Schnell wird aus dem Weg ein Trampelpfad. Vorbei geht es an Buschwerk, Bäumen und Felsen über Wurzeln und Steine. Immer wieder kommen ihm Menschen entgegen und auch in seiner Richtung sind noch vereinzelt Leute unterwegs.

Der Weg wird enger und rückt an den Bach, der zum Glück meist nicht tief ist. Es schauen ausreichend Steine heraus, über die man trockenen Fußes laufen kann. Mittlerweile ragen Felswände neben dem Ufern auf. Stellenweise wurden Stahlseile in ihnen verankert, die dem Wanderer auf glatten rutschigen Felsvorsprüngen zusätzlichen Halt geben sollen, so er nicht durch den Bach waten will. An einer Stelle balanciert man sogar über zwei Bewehrungseisen, die in die Wand zementiert wurden.

So keucht und schwitzt der zwar unterkonditionierte dafür übergewichtige Herr mittleren Alters, akustisch einer Dampflok gleichend, den Berg hinan. Gut eineinhalb Kilometer sind es, bis zur Schutzhütte, über Pfade, Geröll, kleine Brücken, Felsvorsprünge, mal links, mal rechts des Baches. Immer wieder bleibt er stehen, nimmt die Brille ab, wischt sich den Schweiß vom Antlitz und manchmal genehmigt er sich einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Sein T-Shirt ist feucht, die Hose klamm und er bewundert die Menschen, die ihm ohne sichtliche Anstrengung Jacken tragend aber dennoch trocken entgegen kommen. Hier liegt ein Baum, dort ein Eisen eines ehemaligen Stegs. Moos und Flechten säumen die Felsen.

Kurz vor seinem Ziel riecht er Rauch und als er dem Einschnitt entsteigt, liegt die Schutzhütte vor ihm. Das Fahrtenmesser am Gürtel zeigt ein Vater seinem Söhnchen, wie man ein Feuer macht. Lustig prasselt es in der Kohlenschale des Schwenkgrills, während der Rauch den Platz vernebelt.

Abseits auf einer einsamen Bank sitzt ein junges Pärchen und schaut sich das bunte Treiben rundherum an, während andere Wanderer auf Bänken an der Schutzhütte picknicken.

Auch der zwar unterkonditionierte dafür übergewichtige Herr mittleren Alters sucht sich unter den unschmeichelhaften Blicken des Pärchens schwitzend aber nicht mehr keuchend einen Platz, an dem er kurz rasten und zu Atem kommen kann. Schließlich muss er noch einige Fragen beantworten, deren Antworten er kurze Zeit später einem Schild in der Nähe entnehmen kann. Damit hat er die Aufgaben für den Earthcache erledigt. Doch die Aufgaben für den Multi hätte er sich vielleicht vor dem Aufstieg durchlesen sollen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Soll er nun die Dose Dose sein lassen und den bequemen breiten Wanderweg zurück wählen, oder denselben Weg nehmen, den er gekommen war, um das fehlende Puzzleteil zu finden?

Der geneigte Leser ahnt es bereits, der zwar unterkonditionierte dafür übergewichtige Herr mittleren Alters wählt selbstverständlich die anspruchsvollere Strecke und steigt hinab ins Tal, über Pfade, Geröll, kleine Brücken, Felsvorsprünge, dort an manchen Stellen an Stahlseilen Halt findend, mal links, mal rechts des Baches.

Immer wieder bleibt er stehen und wischt sich den Schweiß vom Antlitz. Zuweilen trinkt er auch einen Schluck oder macht ein Foto. Sein T-Shirt ist feucht, die Hose immer noch klamm und die Brille beschlagen, während er tatsächlich das Gesuchte findet.

Da steht er im Bachbett, sanft umspielt murmelndes Wasser die Sohlen seiner Wanderschuhe, während er bedauernd feststellt, dass der mitgebrachte Ausdruck mangels Detailtreue der Druckqualität zu einem Vergleich mit dem Original nicht taugt und ihm dadurch die Lösung und die Finalkoordinaten verwehrt bleiben.

Egal, denkt er sich, denn er will ohnehin noch einmal wiederkommen, da er dieses Stück Natur seiner Holden nicht vorenthalten möchte. Also belässt er es bei einem weiteren Foto, verstaut seinen Kram im Rucksack und setzt seinen Weg fort, nicht ohne zu allem Überfluss wenige Meter weiter im Bachbett auszurutschen.

Hätte er sich nicht im letzten Moment geschickt abgestützt, hätte er sich sicherlich gänzlich im Bach durchnässt. Glücklicherweise ist das Wasser nicht tief und es bleibt bei einem nassen dafür jetzt sauberen Handschuh und einem feuchten Hosenbein des ohnehin klammen Kleidungsstücks.

Den Rest des Weges übersteht er unfallfrei und ganz die spätnachmittagliche Sonne genießend, die sich schillernd im Wasser des Baches spiegelt. Auch herrscht kaum noch Publikumsverkehr, so dass er weitgehend alleine ist.

Die Freude darüber endet jedoch jäh am „Portal“ des Zuwegs, das von einer größeren Anzahl laut pausierender Wanderer belagert wird. Er lässt sie hinter sich und geht den Weg hinab zur Straße, um von dort dem Pfad hinter der Leitplanke zurück zum Auto zu folgen.

Während er nach Hause fährt, dem Sonnenuntergang entgegen, und die Klimaanlage seine Kleidung trocknet, lässt er den herrlich felsfeuchten Nachmittag Revue passieren, den er in der Ruppertsklamm bei Lahnstein verbrachte und die er ohne Geocaching vielleicht nie durchstiegen hätte…

TJ.

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